Zwucks Zeckeneimpfung – Goldieopa Gastbeitrag

Sobald die Ärztin durch die Tür hereinkam, begann der Zwuckopa seine Show abzuziehen.

„Frau Doktor heute bekomme ich zwei Pflaster: hier und hier!“ drückte er mit dem Zeigefinger einmal auf den linken und einmal auf den rechten Oberarm und krempelte energisch seine beide Ärmel hoch, als hätte er vor, die weißen, metallischen Kästen in der Ordination umzustellen.

„Hier und hier! Aber nur mir, nur dem Opa, dem Zwuck nicht! K-e-i-n-e-s! Nur mir, mir, mir!“

Die mit den Ablenkungsmanövern der Eltern bei der Impfung ihrer Kinder erprobte Ärztin ließ sich sofort darauf ein, ob sie das diskrete, wiederholte Augenzwinkern meines Vaters bemerkte oder nicht.

„Ach so!“ sagte sie, näherte sich von hinten dem Zwuckopa und verpasste ihm eine nadellose Spritze.

Dieser, um die Handlung glaubwürdig erscheinen zu lassen, zuckte sogar kurz zusammen, aber nur um gleich ein breites, vergnügtes Lächeln auf seinem Gesicht entstehen zu lassen.

„Schau! Was für ein großes Pflaster ich bekommen habe!“

„Noch einmal Frau Doktor bitte, bitte, hier“, forderte der Zwuckopa ein zweites Pflaster und wies an einer Stelle, diesmal des linken Oberarms hin.

„Hier, hier, aber nur mir!“

Die Ärztin leistete auch diesmal sofort Folge, als wären die beiden ein lange eingespieltes Schauspielerpaar.

Der zur Schau gestellte Stolz des Zwuckopas nun als einziger Besitzer von zwei Pflastern zu sein, dürfte so überzeugend auf den Zwuck gewirkt haben, dass er schon von einem leichten Neidanflug ergriffen zu sein schien.

Was der erfahrenen Ärztin nicht unbemerkt blieb.

„Es ist aber unfair, dass nur du Opa…“ sagte sie, wendete sich dabei im Nu dem rechten Oberarm des Zwucks zu und gab ihm die erste Spritze!

Der Zwuck stieß keinen Schrei aus! Er konnte sich dies auch nicht leisten!

Der Zwuckopa protestierte gleich lautstark, dass der Zwuck ein größeres und schöneres Stück Pflaster bekommen hatte! Es gehe doch nicht so, es sei doch anders ausgemacht.

Nun pendelte der rege Blick des Zwucks hin und her: mal zum eigenen einzigen Pflaster, wo ihn die Impfstelle offensichtlich noch zwickte, denn seine Lippen waren halb wie zum Weinen gekräuselt, mal wieder zu den zwei stets zu ihm gewandten Pflastern auf den Oberarmen von seinem Opa.

Ich war dabei meinen Vater in seinem sich steigernden, dramatischen Elan zu stoppen, damit er die Geduld der Ärztin nicht überstrapazierte. Denn dieser öffnete seinen Gürtel und drückte mit dem Zeigefinger auf seine linke Gesäßhälfte.

„Noch einmal, diesmal hier, aber nur mir, dem Zwuck nicht!“

Als er beim Aufmachen des Gürtels nun auch das transilvanische, schwungvolle „Cite un pic-pic-pick!“ Lied ertönen ließ und mit Discomoves begleitete, schien selbst der Zwuck von der gewagten Handlung seines Opas irgendwie gepackt zu sein. Wieder nützte die Ärztin die neue Ablenkung aus, kam vom hinten und gab dem Kleinen die zweite Impfung, diesmal in den linken Arm. Nun brach der Zwuck zwar in Tränen aus, allerdings nur für ein paar Sekunden.

Denn der Zwuckopa war schon aus der Ordination in den Warteraum gezischt, wo er eine Münze in einen Süßigkeitenautomat steckte.

Der Zwuck lief ihm schnell nach, holte hastig die kugelförmige Überraschung aus dem Gerät heraus und bemühte sich sie aufzumachen. Ich dafür watschelte zur Toilette. Als ich wieder rauskam, hatte ich ein Déjà-vu:

Mein Vater stand mit gebeugten Knien vor einem schluchzenden, kleinen Mädchen, das kurz zuvor seine Zeckenimpfung bekommen hatte.

Er zeigte ihr seine „Spritzenpflaster“ auf den beiden Oberarmen und brachte sie nach einer Weile vom Weinen ab.

Als ich mich ihnen näherte, fragte die junge Mutter auf mein Bäuchlein hindeutend und zu uns beiden schauend:

„Und ihr bekommt Nachwuchs?“

„Ja, ich bin nur der Opa“ antwortete mein Vater offensichtlich sehr angetan davon, womöglich als Vater in Betrachtung gezogen worden zu sein.

Während ich von der Ordinationsgehilfin die Rezepte entgegennahm, waren mein Vater und der Zwuck schon Hand in Hand in Richtung Auto aufgebrochen. Der Zwuck hüpfte mal auf dem einen Bein, mal auf dem anderen und auf der leeren Straße ertönte aus ihrer Richtung die fröhliche Strophe:

„Cit‘un pic-pic-pic! Cit‘un pic-pic-pic!“

6 Gedanken zu “Zwucks Zeckeneimpfung – Goldieopa Gastbeitrag

  1. So verrückt deine Eltern auch sind, und das ist sicher manchmal anstrengend, für die Kids ist das Gold wert!
    Ich kann es mir bildhaft vorstellen! Lustig und rührend geschrieben @goldieopa! Schön, dass ihr eure Eltern so nah vor Ort habt, Iulia. 😉

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