So, los geht’s in ihr Zimmer Frau H., wollen Sie versuchen aufzustehen?
Was für eine Frage, denk ich mir. Natürlich stehe ich auf, die schlimmsten Schmerzen sind überstanden, was soll jetzt noch sein?
Alex hält unser Mädchen und ich versuche mich, mich am Bett abstützend aufzurichten. Sitzen geht schon mal. Ich setze einen Fuß auf den Boden, doch der ganze Raum beginnt sich zu drehen.
Die Hebammen haben mich schon fest in ihrem Griff, als ob sie schon damit gerechnet hätten, dass das mit dem Aufstehen noch nicht so meins ist.
Im Rollstuhl werde ich in mein Zimmer gebracht, in dem ich alleine liege.
Iulia, das war mal eine verdammt weise Entscheidung, eine schnarchende Nachbarskumpanin oder Small Talk ist jetzt das aller Letze was ich brauche.
Ich lege mich ins Bett, hebe die Decke für Zwuckine an und mach’s mir mit ihr gemütlich.
Hier hab ich ein kleines Black Out. Ich weiss nicht mehr wann Alex gegangen ist oder wie wir uns verabschiedet haben.
Was ich weiss ist, dass ich aufwache, Zwuckine dicht an meiner Brust liegt und schläft wie ein kleiner Engel. Was ich weiss ist, dass ich in ihre volle Windel blicke und mich frage ob ich diese nachts gewechselt habe. Was ich weiss ist, dass die Hebamme mich nach meiner Nacht fragt und ich ihr sage, dass sie sehr gut war. Was ich weiss ist, dass die Hebamme mich, samt meiner Infusion auf die Toilette begleitet und mich fragt ob ich denn nachts noch war. Ich weiss es nicht.
Wir schreiten gemeinsam ins Badezimmer, sie stützt mich beim Gehen, weil es mich ständig fast auf die Seite haut.
Ich versuche es unter der Dusche, wobei ich von der Hebamme gestützt werde.
Erfolglos.
Zermürbt schreiten wir zurück ins Bett und ich nehme meinen Schatz fest in den Arm, drücke ihr ein Küsschen auf den Kopf und sage: Mama kann das noch nicht, wir versuchen es später noch einmal.
Die Hebamme verabschiedet sich und meint wir würden das mit dem Klogehen jetzt regelmäßig probieren, bis zum Abend hin muss es klappen.
Ich nicke nur und denke mir, dass das schon der Fall sein wird. Bin wohl nicht die erste Frau die nach der Geburt nicht aufs Klo gehen kann, weder klein noch groß.
Ich rieche an Zwuckines Köpfchen. Es riecht so gut, so süß. Ich hab leichte Tränen in den Augen.
Einerseits weil mich der Toilettengang viel Kraft gekostet hat, andererseits weil ich Schmerzen habe. Und zu guter Letzt weil ich dieses Wesen einfach so unfassbar liebe und ich mein Glück kaum glauben kann.
Sie schläft beinahe den ganzen Tag und kommt nur um zu trinken und dabei wieder einzuschlafen.
Wären da nicht diese Nachwehen, die mich augenblicklich in die Geburtssituation hineinversetzen, wäre es das schönste auf der ganzen Welt.
Ich bin glücklich. Sehr sogar.
Es klopft an der Tür. Hebammenwechsel.
Ich soll noch mal aufs Klo.
Beim Gedanken daran wird mir wieder schlecht, aber gut was soll man machen.
Da sitze ich nun wieder. Auf der Kloschüssel. Bis zu dem Zeitpunkt war mir nicht bewusst wie viel Zeit man hier eigentlich verbringen kann. Und Alex tut das freiwillig jeden Tag. Unkapierbar.
Wir geben alles. Versuchen es im Stehen, unter der Dusche, in der Hocke, sitzend auf dem Bidet.
Nichts, höchstens 2 Tropfen.
Ich kann mir nun denken, dass das nicht gerade erfreuliche Nachrichten sind, blicke aber zu Zwuckine, die wie ein Naturwunder im Bett liegt und verdränge den Gedanken des Urinierens. Es gibt ja schließlich wichtigeres.
Die Hebamme kommt mit einer Schüssel daher.
Frau H. wir müssen Ihnen jetzt einen Einmalkatheter setzen, um zu schauen, ob sich Restharn in ihrer Blase befindet.
Bitte was? Denk ich mir.
„Sie wollen mich jetzt da unten anfassen? Muss das sein, es tut so schon alles weh, ich hab da eine Baustelle.“
„Ich passe auf versprochen, es ist nur das Einführen etwas unangenehm“
Meine Beine beginnen zu zittern und ich spüre wie es mir die Tränen in die Augen treibt, als sie den Katheter in meinen Harnweg einführt.
Ich sehe wie sie in die Schüssel blickt und nur mhm, aha summt.
„Was ist denn nun“, frage ich.
„Hab ich Restharn?“
Sie sagt ich solle Husten und zieht dabei den Katheter wieder raus.
„Ja leider recht viel, 600 ml Restharn. Wir probieren es jetzt noch untertags regelmäßig auf die Toilette zu gehen. Wenn sie etwas bis zum Abend hin schaffen, dann ist es super.“
Sie hat meinen Ehrgeiz geweckt. Jede halbe Stunde versuche ich nun mein Bestes.
Der Erfolg lässt zwar zu Wünschen übrig, dafür hab ich Zwuckine.
Alex kommt.
Er sieht so fertig aus. Und glücklich.
„Na, wie geht’s euch?“ fragt er mich.
„Zwuckine geht es hervorragend. Sie trinkt brav, ich bin so froh, dass das klappt.“
Alex blickt auf meinen Sitzring, den mir meine liebe Freundin ins Spital gebracht hat und fragt: „Und dir?“
„Danke Baby, es geht. Ich hab noch so meine Probleme mit dem Pipi machen. Aber ich denke es ist halb so schlimm. Ich übe fleißig. Wichtig ist, dass bei ihr alles passt.“
Ich presse meine Lippen zusammen als ich versuche mich von einer Seite auf die andere zu drehen.
Wir beide wissen, dass ich lüge. Doch tun so, als ob dem nicht so wäre.
