MEINE ALTE NACHBARIN und DIE JÖ-KARTE

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Ich stehe an der Kassa, Zwuckine, meine dreimonatige Tochter beginnt im Kinderwagen zu raunzen. Ich räume die Produkte aus dem Kinderwagen auf das Laufband, wobei mir manches auf den Boden fällt.  Ich lächle etwas verlegen, will mich danach bücken, doch das hat
eine ältere Dame vor mir stehend, schon gemacht. Sie bückt sich über den Kinderwagen und strahlt:

„Endlich sehe ich die Kleine mal aus der Nähe, Gott ist sie entzückend.“

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Instagram Künstler III

„Phu! wie viele tolle Klamotten! Darf ich mir von dir was ausborgen?“ – fragt Goldioma ihre Tochter und kommt schon aus der begehbaren Garderobe mit einem Kleid in der Hand, das die Letztere seit der Schwangerschaft nicht mehr trägt. Wie sie sich und ihre Mutter im großen Spiegel erblickt, überkommt die Tochter ein Anflug von Eifersucht, wie ein lästiger Mückenstich. Das Kleid steht ihrer Mama wie auf den Leib geschneidert! Bei sich selbst geht der Bauch nach der zweiten Schwangerschaft verdammt langsam zurück.

Typisch Großfamilie Zwuck:

Ihre Mama ist nicht auf ihren Mann, den Goldieopa, eifersüchtig, der, gegenüber weiblicher Gäste der Tochter vor Galanterie nur so übersprudelt, aber sie, die Tochter ist sehr wohl gelegentlich auf ihre Mama neidisch. Gut, aber welche junge Frau hat solch eine Mama? „Normal“ ist sie mit ihrer Teenager Figur und kindlichem Gemüt, sicher nicht! Nun holt sich die Goldieoma noch einen Schal von der Garderobe, wirft ihn um die Schulter, schaut kurz in den Spiegel, sagt Ciao und verschwindet zum Bahnhof. Zu Fuß natürlich, mehrere Kilometer! Ebenso den Weg am Abend zurück!

 

Während Iulia ihrer Mama vom ersten Stock nachschaut, wie diese flink wie ein Wiesel über einen Wanderweg Richtung Bahnhof marschiert, schmunzelt sie in sich hinein. Es kommt ihr die vom Goldieopa häufig wiederholte, von Homer stammende Geschichte der Göttin Aphrodite wieder in den Sinn. Die Goldieoma sei doch nur eine Wiederauferstehung der altgriechischen Göttin, breitet er sich bei geselligen Anlässen über dieses Thema aus!

Es ist ihm, dem Hirtensohn aus Transsilvanien nicht anders gegangen als dem Hirtensohn auf dem griechischen Berg Ida. Es war ihm, dem Philosophiestudenten, damals in den Jugendjahren nicht danach, sich auf eine neue Beziehung einzulassen, er wollte nach einer schweren Prüfung einfach ins Bukarester Konzerthaus gehen um klassische Musik zu hören.

Ebenso wenig war es ihm, dem Hirtenjunge Anchises danach: Nachdem er in der Dämmerung die Kühe ins Gehege getrieben und eine nach der anderen gemolken hatte, setzte er eine Flöte an seinen Lippen, um etwas zu spielen, bis das Fleischgericht auf dem offenem Feuer vor der Holzhütte kochte.

 

Als er in weiter Ferne die auf ihn zulaufende, lichtumgebenen Erscheinung erblickte, sprang Anchises auf. Das Körpergewicht war gleich auf das linke, angewinkelte Bein verlagert, die Lanze wie in eisernen Zangen in der rechten Hand, die Spitze steil empor gerichtet. Es fehlte nur der allerletzte, flüchtige Blick, um den Abstand zu dieser plötzlich auf ihn stürzenden Erscheinung einzuschätzen, bis sich seine Lanze im hohen Bogen durch die Lüfte schwirrend in die…

Beim Zeus! Wie steht nun plötzlich diese anmutige Gestalt, kaum einen Schritt von ihm entfernt! Ist sie, die soeben in der Weite gesichtete Gestalt? Und nun war sie hier neben ihm, wie angeflogen!

Und was war mit seinem so verlässlichen Hunde los, der jedes sich annähernde Wild schon lange bevor er es sichtete, durch lautes Bellen anmeldete? Als Anchises auf die Beine sprang und mit dem rechten Arm zum Lanzenwurf ausholte, blieb sein Hund mit der Schnauze am Boden und blickte zu ihm, als ob er sich fragte, wie sein Herr darauf kam, bei so einem ruhigen Sommerabend, mit Kampfübungen zu beginnen. Und nun, was tut er?! Er beschnuppert die zarte Gestalt der aus dem Himmel gefallenen jungen Frau und schmiegt sich freundlich wedelnd an ihre kurzen Stiefel, als wäre sie eine lange Vertraute!

Der an sich wackere Hirtensohn war nicht einmal aus dieser allerersten Verwirrung heraus, als sich eine weitere dazu gesellte. Denn, als diese Erscheinung ihn als eine Königstochter ansprach, die sich bei der Jagd verlaufen hatte, machte er gleich eine tiefe Verbeugung und bat ihr seinen Platz auf dem Bärenfell vor dem Feuer an. Aber sie! Sie richtete nur den Blick zur Holzhütte und wiederholte ihren Wunsch sich gleich hinzulegen, so müde war sie! Könnte er sie hinein begleiten? …

 

Der Philosophiestudent schlich auf Zehenspitzen den langen, dicken Teppich im halbdunklen Konzertsaal nach vorne. Das Konzert für Violine und Orchester von Ludwig van Beethoven hatte schon angefangen. Denn erst kurz nach Konzertbeginn wurden die mittellosen Studenten, gegen ein Trinkgeld eingelassen. Da machte der Portier einen diskreten Wink mit dem Kinn und die geduldig wartenden Studenten eilten an ihm vorbei und steckten ihm eine Packung Zigaretten oder ein paar Münzen zu.

Der Student schritt bis in die Höhe der dritten Sitzreihe, dort ragte bei „seinem“ Stehplatz aus der Wand ein kleiner Sims hervor, sodass er sich im Stehen dagegen stützen konnte. Dann machte er die Augen zu. Er liebte es klassische Musik mit geschlossenen Augen zu hören.

Sonst merkte er irgendwelche Details im Auftreten der Protagonisten – mal die zu hohen Schuhabsätze des Violinvirtuosen, mal die leicht schief liegende Schleife des Dirigenten – die dann allerlei lästige Überlegungen in seinem Kopf hervorriefen. So, mit geschlossenen Augen schwebten ihm vor dem inneren Auge beim Lauschen der Akkorde allerlei vertraute Bilder vor.

Wie nun: Das Horn ertönt einmal lang und er scheint das Muhen der Joana zu vernehmen, der stattlichen Schwarzkuh aus seinem siebenbürgischen Dorf! Auf dem Heimweg von der Hügelwiese entlang des Dorfbaches kommend, löste sie sich vor dem Haustor aus der restlichen Herde und wartete geduldig bis jemand ihr aufmachte. Muuh.

Oder die nun folgenden sanften Streichakkorde: Die klingen, wie die in den hölzernen Kübel laufende Milch beim Melken der Schwarzkuh. Denn nachdem er sie zum Stall brachte, setzte er sich auf einen Schemel dicht an ihr mächtiges Euter und zog der Reihe nach an den vier Zitzen bis der Kübel voller frischer Milch war.

 

Nun zuckte er plötzlich auf: Der Paukenschlag aus dem hinteren Teil des Orchesters ertönte mit einer ungewöhnlichen Lautstärke, brutal sogar. Er überblickte die Sitzreihe in seiner Höhe, um zu sehen, ob den anderen dies auch so vorkam. Doch auf niemandes Gesicht regte sich etwas!

 

In dem Moment erblickte er sie, die spätere Goldieoma. Eigentlich nicht als Ganzes sondern nur ihre in seidenen Strümpfen umhüllten runden Knie, die leicht nach außen ragten. Auch etwas von ihrer kleinen Nase und in einem Knoten hochgesteckten Haare. Ein Pupperl der vornehm Gesellschaft, denkt er sich. Denn wer kann sich sonst einen solchen Sitzplatz leisten? In der dritten Reihe vor der Bühne? Da müsste man in dem kommunistischen Land entweder Botschafter oder Sprösslinge eines hochgestellten Bonzen sein.

Er schloss wieder die Augen, entschieden sich nicht von ihr ablenken zu lassen! Doch mit dem Hervorsprießen sanft flatternder und glücklich stimmender Bilder vor seinem inneren Auge war es vorbei!

Als er aber die Augen kurz wieder halb aufmachte, staunte er nicht wenig: mit dem Oberkörper war die zarte Schönheit in seiner Richtung gedreht und ihre Augen ruhten diskret aber unübersehbar auf ihm! …

Die ZEIT nach der Geburt

So, los geht’s in ihr Zimmer Frau H., wollen Sie versuchen aufzustehen?

Was für eine Frage, denk ich mir. Natürlich stehe ich auf, die schlimmsten Schmerzen sind überstanden, was soll jetzt noch sein?

Alex hält unser Mädchen und ich versuche mich, mich am Bett abstützend aufzurichten. Sitzen geht schon mal. Ich setze einen Fuß auf den Boden, doch der ganze Raum beginnt sich zu drehen.

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ZWUCKINES GEBURTSBERICHT – TEIL 5, DAS FINALE

Auf einmal befinden sich recht viele Leute im Zimmer.

Ich hab allerdings keine Ahnung wer die alle sind und bringe zu dem Zeitpunkt selbst keine Begrüßung mehr hin, was echt etwas heißt bei mir.

Unhöflich liege ich also mit breit gespreizten Beinen am Bett und ignoriere alle außer mich selbst.

Mir wird einiges erklärt.

„Frau H. wir legen nun ihre Beine auf Halterungen und sie rutschen mit dem Gesäß vor. Das ist die Saugglocke, die wird nun auf dem Köpfchen ihres Babys fixiert.“

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ZWUCKINES GEBURTSBERICHT – Teil 4

Ich werde geschüttelt, Alex ermahnt mich immer wieder in lauteren Ton ich solle bitte die Augen wieder öffnen und der Wehentropf wird höher gedreht.

Von der PDA spüre ich zu diesem Zeitpunkt schon lange nichts mehr.

Ich bin eigentlich so ziemlich am Ende. Ich kann eigentlich nicht mehr. Sicher schon seit 3-4 Stunden.

Die nächste Kontrolle steht an und meine Hebamme strahlt über das ganze Gesicht.

„Iulia, du hast es fast geschafft. Wir haben 10cm.“

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ZWUCKINES GEBURTSBERICHT – Teil 3

 

„Wir versuchen es jetzt mal mit einer sanfteren Einleitung, möglicherweise reicht das schon“, so die Hebamme zu mir.

Mein Herz beginnt zu pochen und ich nicke nur leicht.

Alex sieht mich mitleidig an.

Komm schon Iulia, da musst du jetzt durch, vielleicht ist es ja nicht so schlimm wie alle sagen und vielleicht führt es ja auch nicht zu dem, was du nicht mehr haben willst, denke ich mir.

Doch irgendwie trau ich meinen Gedanken selbst nicht.

Die nächste Wehe kommt schon mit etwas mehr Wucht, scheinbar tut die „sanfte Einleitung“ bereits ihren Dienst.

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ZWUCKINES GEBURTSBERICHT – TEIL 2

Na toll, dachte ich, das kann ja eine witzige Nacht werden..

Die Hebamme begleitet uns in mein Zimmer und verabschiedet sich. Alex legt sich zu mir ins Bett und engumschlugen äußern wir beide wieder mal denselben Gedanken: „Was wohl der Zwuck gerade macht? Ich vermisse ihn!“ Wir lachen beide, bis zur nächsten Wehe, die mich wieder zusammenzucken lässt.

Prompt steht Alex auf, zieht mich am Arm und sagt:“ Baby aufstehen, wir müssen für die nächste Wehe vorbereitet sein! Schön veratmen, wie es die Hebamme gezeigt hat!“

Sein Wille sei mir Befehl! Ich stehe also auf, stelle mich breitbeinig vor das Bett, gehe etwas in die Knie, halte mich am Bettgestell an und warte bis es los geht. 2 Minuten später atme ich tief durch die Nase ein und dann ganz lange durch den Mund aus. So lange, bis die Wehe wieder verschwunden ist.

Es funktioniert! Wie mega. So schaff ich das, ganz bestimmt.

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UNSERE ERSTE ZEIT IM FLÜCHTLINGSLAGER

Auszug aus « Bekreuzige dich mit der Zunge und geh weiter„ von George Purdea

Mein Mann lag auf dem Bett nebenan, den Kopf auf die Hand gestützt, unbekümmert in eines seiner mitgeschleppten altgriechischen Bücher vertieft. Er strengte sich wahrscheinlich an, einen philosophischen Satz im Original zu lesen. Mein Mann! Ich erinnerte mich an die warnenden Worte meiner Mutter: „Mit wem willst du in die Welt hinaus? Mit dem? Siehst du nicht, dass ihn nur eines beschäftigt? Bücher!? Ausgerechnet auf einen rumänischen Philosophen werden sie im Westen gewartet haben! Wovon werdet ihr leben?

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ZWUCKIS GEBURT (2)

Da lag ich also, im Aufwachraum und wartete auf mein Zwucki.

Und auf Alex, der mit ihm verschwunden war.

Sorgen machten sich breit. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ich hier alleine liegen würde, ohne Baby im Arm.

Eine Krankenschwester kam zu mir und teilte mir mit: Ihrem Sohn geht es gut, er ist nur etwas zu schwach, um ganz alleine zu atmen, wir behalten ihn erst mal bei uns, bis er wieder bei Kräften ist.

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