Geschwistereifersucht

„Zwuckine zurück, zu Mami in den Bauch!“

Diese unerwarteten Worte vom seinem dreijährigen Enkelkind reisst den Zwuckopa unsanft aus seinen heiteren Gedanken!  Denn er hielt gerade mit ausgestreckten Armen die fünfmonatige Zwuckine hoch und sank sie wieder zu sich, sodass ihr Gesicht seines sanft berührt. So hielt er sie länger, denn dabei hatte er das Gefühl, als würde er durch einen langen Fernrohr in die Weite des Universums schauen! Aus unmittelbarer Nähe betrachtet, vergrößern sich ihre Wangen, Augenhöhlen, Nase zu einer Art kosmischer Landschaft.  Die Vorhänge einer Bühne öffnen sich und der erste der sieben Himmel zeigt sich. Wie in jener Erzählung mit den zwei Geschwister auf der Himmelsleiter…

„Zwuckine soll zurück zu Mami, in den Bauch!“

wiederholt leise, aber deutlich sein Enkerl die Forderung nach Alleinherrschaft über die Aufmerksamkeit der ganzen Großfamilie!

„Wie meinst du das Zwuck?! Liebst du dein Schwesterchen nicht?!“

fragt ihn der Zwuckopa, und währenddessen kommt ihm selbst die Frage sinnlos vor. Zwuck antwortet nicht, nimmt wieder das Baumeister Spiel auf, legt sich einige Werkzeuge „zum Repa,rieren“ zurecht.

 

Wie immer, wenn er im Verhalten seines Enkels etwas nicht nachvollziehen kann, versucht der Zwuckopa an sich selbst als Kind zurückzudenken. Sein Blick rutscht auf ein an der Wand hängendes leicht vergilbtes Schwarzweiß Bild. Das grinsende Antlitz eines sieben Jährigen

weht davon entgegen, der trotz des bis zum Knie hängenden Strickpullovers, in deren Ärmeln die Hände verschwinden und der übergroßen Gummistiefel alles anderes als unglücklich zu sein scheint.

Als Nesthäkchen bekam er die abgetragene Kleidung und die abgewälzten Schuhe der älteren Geschwister zum Anziehen – ja,  den Wunsch schnell groß zu werden, nur um eigene neue Kleidung zu bekommen, hat er damals gehabt. Aber eifersüchtig?…

Oh, doch einmal, nur für eine Weile auf den um zwei Jahre älteren Bruder. Wegen einem Kitz.

„Hör zu Zwuck… mein älterer Bruder, du kennst ihn!”

“Onkel Mircea?!“

„Genau“

„Als wir klein waren, hatten wir ein paar Schafe auf dem Bauernhof. Jeden Frühling, wo noch viel Schnee um das Gehege lag, brachten sie Lämmchen auf die Welt. Es lagen ganz kleine, zitternde, mit wenig Fell bedeckten Kitze auf dem trockenen Heu. Sobald sie auf den Beinen standen, haben wir die Kinder jeweils mit dem eigenen Vornamen getauft und nach dem Kindergarten oder Schule hat jeder sein Lämmchen betreut. Einmal wollte ich einen Neugeborenen Kitz mit schwarzen Streifen nach mir benennen, als mein Bruder ihn zu sich schnappte und meinte, ich soll mir einen anderen aussuchen, der ist schon nach sich getauft worden. Und zur Sicherheit trug ihn stets auf dem Arm und gab ihm Milch mit dem Fläschchen! Ja, damals war er gemein zu mir. Aber auf dem Schulhof beschützte er mich und nahm mich sogar mit am Sonntag zum Fußballspiel – so habe ich ihm mit der Zeit das mit dem Kitz verziehen.“

 

„Und das andere hast du ihm auch verziehen?“ – schaltete sich unerwartet die Goldioma vom Nebenraum,

wo sie mit lauter Latino Musik fleißig turnte.

„Wie er sich auf einer Teenager Party beim Tanzen mit abgedrehtem Licht feurig mit deiner Jugendliebe Helga küsste!“

„Was?!  Wer hat dir so einen Blödsinn erzählt?“

antwortete mit einem aufgezwungen Halblächeln der Goldieopa.

„Helga selbst, bei der Matura Jubiläums Party, vor einem Jahr! Natürlich nachdem wir einiges gebechert haben. So hat sie mir gesagt, ich schwöre es: sie hat euch beide Brüder geliebt, gleichzeitig, weil der eine schön und der andere gescheit war! Du warst natürlich der zweite von ihnen und ziemlich scheu. Nicht wie dein Bruder, der auch um einen Kopf größer war und blond! Hi,hi!“

Julia, die Zwucksmutter, die bis dahin mit Videos schneiden und hochladen beschäftigt war, horcht plötzlich zu. Sie überlegt schnell einen rettenden Ausweg, um ihrem Vater aus der Bredouille der kränkenden Erinnerung herauszuholen.

Da ihr Vater die Jahre als Lektor vermisste und zwanghaft fast dazu neigte, Themen aufzugreifen, auf die niemand erpicht ist, hackt sie ein: „Sag Papa lieber, wie geht es weiter in der Erzählung mit der Himmelsleiter? Als du die Zwuckine hochgehalten hast, sagtest du…“

„Ja, es ist eine ganz kurze frühchristliche Erzählung aus dem dritten Jahrhundert. Die Helden sind die Halbwüchsigen Geschwister, Bruder Saturus und Schwester Perpetua“ – holt er nach einer Weile aus.

„So werden sie beschrieben: wie sie auf einer langen Leiter emporsteigen, mit Abstand unter sich und schweigend. Sie kommen an einer Stelle, wo darunter in einem dunklen Tal ein Drache lauert, der immer wieder hochspringt und versucht mit seinen Kraulen sich mal den einen mal den anderen zu schnappen. Da bleibt Saturus stehen, schlägt mutig mit seinen Füßen das Ungeheuer in die Flucht aus und wartet auf seine Schwester: Perpetua Schwesterchen! Hab keine Angst vor dem Drache! Ich beschütze dich

Dann schreiten die Geschwister von nun an dicht nebeneinander weiter und kommen letztendlich auf die letzte Stufe der Himmelsleiter! Da stützen sie sich die Ellbogen auf den Rand der unendlich weiten blauen Ebene des Himmels und können ihren Augen nicht trauen: in der Mitte der Himmelsplatte melkt ein in weiß gekleideter Hirte eine ebenso weiße riesige Kuh! Er hat die Kommenden offensichtlich schon erblickt und macht ihnen gleich ein „Kommt her!“ Zeichen. Als sie sich ängstlich Hand in Hand ihm nähern, reicht der gute Hirt jedem von ihnen eine Schüssel mit heißer schäumender Milch.“

 

Nun schweigt wieder der Zwuckopa, und alle anderen schweigen mit, unschlüssig über den Sinn der Erzählung.

Das Schweigen wird nun von  Zwuck abgebrochen:

„Mami, machst du mir eine Kakaomilch?“

„Nur wenn du lieb zu deiner Schwester bist! Wie der Bub in der Geschichte zu seinem Schwesterchen!“

Der Zwuck zögert eine Weile, läuft zu am Boden auf einer Decke mit erhobenem Haupt liegenden Zwuckine, umarmt sie so heftig, dass sie für den Bruchteil einer Sekunde nach Luft zu schnappen scheint. Dann wendet er sich wieder zu Julia:

„Und jetzt? Bekomme ich eine Kakaomilch?“

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