ZWUCKINES GEBURTSBERICHT – Teil 3

 

„Wir versuchen es jetzt mal mit einer sanfteren Einleitung, möglicherweise reicht das schon“, so die Hebamme zu mir.

Mein Herz beginnt zu pochen und ich nicke nur leicht.

Alex sieht mich mitleidig an.

Komm schon Iulia, da musst du jetzt durch, vielleicht ist es ja nicht so schlimm wie alle sagen und vielleicht führt es ja auch nicht zu dem, was du nicht mehr haben willst, denke ich mir.

Doch irgendwie trau ich meinen Gedanken selbst nicht.

Die nächste Wehe kommt schon mit etwas mehr Wucht, scheinbar tut die „sanfte Einleitung“ bereits ihren Dienst.

Ich bin ganz aufgeregt. Scheint alles cool zu sein. Sooooo schlimm ist es ja gar nicht. Wenn ich nur nicht so verdammt müde und kraftlos wäre.

Eine Stunde später, es ist bereits 18:00 steht die nächste Kontrolle an.

Das CTG läuft ohnehin die ganze Zeit mit und zeichnet schön die Wehen auf. Zwuckine geht es nach wie vor einwandfrei gut. Ihr ist alles wurscht, wie immer halt.

Also wird wieder der Muttermund betrachtet.

Ich blicke der Hebamme tief in die Augen, um noch bevor sie etwas sagen kann, erahnen zu können, ob er sich endlich ordentlich verkürzt hat. Aus ihrem Blick lese ich allerdings nichts Berauschendes.

Sie geht hinaus telefonieren.

Mein Herz pocht mittlerweile sehr stark und ich bemerke, dass ich ziemlich zittere.

Alex veratmet in der Zwischenzeit jede einzelne Wehe mit mir. Er ist sichtlich müde, aber er versucht es zu verbergen, was ihm natürlich nicht gelingt.

Die Hebamme schreitet durch die Tür, nimmt meine Hand und sagt:“ Iulia, wir würden dich jetzt an den Wehentropf hängen. Erstmal nicht allzu stark, aber uns bleibt leider nicht wirklich was übrig. Du bist schon sehr lange wach, verlierst viel Blut und wir können leider nicht mehr so so lange warten. Ist das ok für dich?“

Ist das ok für mich?

Eigentlich ist es nicht ok für mich.

Aber ich bin weder Ärztin noch Hebamme und kenne mich mit den Risikofaktoren nicht aus.

Was würde passieren, wenn wir noch warten würden?

Da ich meiner Ärztin echt vertraue und die neue Hebamme (die dritte seitdem wir im Krankenhaus angekommen sind) wirklich ins Herz geschlossen habe, willige ich ein.

Und los geht das Vergnügen. Die Wehen kommen stärker als zuvor und das Veratmen, das bisher ganz gut geklappt hat, hilft mir auch nicht mehr richtig weiter.

Ich schreie nicht, aber ich verzerre mein ganzes Gesicht, krümme mich sehr sehr stark und quetsche Alex Hand beinahe ein.

Minuten, Stunden, ich hab das Gefühl Tage vergehen und ich bitte meine Hebamme inständig: Was ist mit der PDA? Kann man da nix machen? Ich bräucht sie jetzt echt! Dringend! Bitte“

„Wir können schon nochmal nachlegen, allerdings nicht zu viel und nicht zu oft, denn das kann das alles hier hinauszögern“, so die Hebamme.

Darauf hab ich natürlich gar keinen Bock, aber so zu bleiben und das für Stunden, das kann ich mir beim besten Willen auch nicht vorstellen.

Ich reite auf Wellen. Auf richtig harten. Der Anfang der Wehe setzt ein und begibt mich auf ihrem Höhepunkt in andere Sphären. Welche, die ich nicht kennen lernen will und niemals wollte.

Die PDA wirkt wieder, aaaah, durchatmen. Doch hat sie nicht mehr dieselbe Wirkung wie davor. Von Schmerzbefreit kann man nicht reden, höchstens von einer Erleichterung.

Aber auf jeden Fall besser als nix. Das Problem an der Sache: ihr Effekt verschwindet recht rasch wieder, denn der Wehentropf wird wieder hochgedreht und ich beginne wieder zu betteln.

„Bitte noch eine PDA. Nur eine. Eine kleine. Eine wutzi putzi winzige“

Die Hebamme lacht „wie man in diesem Zustand noch so lustig verhandeln kann haha“

Sie sagt wir müssen noch etwas warten und schüttelt in der Zwischenzeit mein Hinterteil.

„Wow, das ist so eine Erleichterung. Bitte weiter machen. Nicht aufhören. Mich schütteln. Weiter. Weiter“

Sie lacht und ist so lieb. Wenn wir das erledigt haben, will ich sie wiedersehen. Ich hab sie so gern.

Sie schüttelt mich wirklich stundenlang. Der Wehentropf wird immer stärker gedreht und mein Bewusstsein und meine Handlungen werden immer unbewusster. Ich habe das Gefühl ich bin ein wandelndes Wrack, nehme mein Rundherum nicht mehr so wahr, wie sonst.

Ich soll auf die Toilette gehen, meine Blase entleeren, den Weg dorthin schaff ich aber kaum.

Ich werde von Alex und meiner Hebamme gestützt, um bis dahin zu kommen.

Das Urinieren gestaltet sich als schwierig.

Wir gehen zurück zu meinem Bett und ich gucke verblüfft durch das Zimmer. Überall Blut. Das Bett ist relativ voll davon, am Boden klebt Blut, am Polster. Die aufmerksame Hebamme hat mich dabei ertappt das alles zu inspizieren in meinem halbwachen Zustand und macht sofort das Blut weg, das zu sehen ist.

Sie sagt sie müsse kurz raus, kommt aber gleich wieder.

Alex schüttelt mich in der Zwischenzeit weiter. Er ist wirklich großartig, aber warum kann er nicht das Kind gebären, frage ich mich.

Er ist doch viel größer und kräftiger, warum muss ich mit meinen 52kg da durch?

Mein Körper ist doch gar nicht dafür geschaffen. Ich bin doch nicht stark. Ich war’s doch noch nie. Ich krieg doch nicht mal den Drehverschluss einer Cola Flasche auf. Und ich dachte ich könnte eine Geburt meistern. Ich bin eben etwas unfähig was das Thema betrifft, hat man ja schon bei meinen Fehlgeburten gesehen. Irgendwas stimmt nicht mit mir.

Alex schreit mich an: „ Baby, Baby, mach jetzt sofort deine Augen auf. Was machst du? Du sollst dich konzentrieren. Wehen veratmen. Hamma uns?“

Ich schau mit halb offenen Augen durch den Raum der mir etwas schummrig vorkommt.

Ich nicke.

Er wird wieder laut „ Baby, was hab ich gesagt? DU bist so stark. Du schaffst das, aber bitte bleib da und kipp nicht ständig weg. Denk an unsere Tochter. Sie braucht dich jetzt ok. Und ich brauche dich auch. Und der Zwuck auch. Du bist unsere Heldin. Ich bin so stolz auf dich.“

Er hat Tränen in den Augen.

Ich öffne meine Augen. Die Hebamme kommt wieder hinein und lacht.

„Alex du könntest wirklich hier bei uns beginnen. Du bist echt gut. Ihr seid ein wahnsinnig starkes Paar, das merkt man“.

„Jetzt schauen wir mal was sich so tut Iulia, hm?“

Der Muttermund wird untersucht.

„Na bitte, schon 8 cm, bald haben wir es geschafft. Eigentlich sollte ich jetzt Schicht wechseln, aber wir sind so kurz vor dem Ziel, ich bleibe etwas länger.“

„Bitte nicht etwas länger, bitte bis zum Schluss“, stöhne ich.

Es ist 19:00 und ich bin seit 36h wach.

5 Gedanken zu “ZWUCKINES GEBURTSBERICHT – Teil 3

  1. Wow!!! Echt verrückt was der Körper aushalten kann und man selber!
    Respekt an dich! Echt der Wahnsinn. Geht mir total unter die Haut! Bin schon gespannt wie es weiter geht.
    Ich hatte auch keine Traumgeburt. Bei uns kam zum guten Schluss die Zange zum Einsatz…

  2. Oh Mann- wir Frauen wissen garnicht wie stark wir wirklich sind! 💪🏻 Eure Geburtsgeschichte erinnert mich stark an meine 1. Geburt, dann kamen 2 FG und jetzt bin ich in der 19. Woche schwanger! Ich hab jetzt schon wieder Respekt davor, was da auf mich im Dezember zukommt! 🙈😅 Bin schon sehr auf den 4. Teil gespannt! 😍

  3. Selbst mir kamen gerade die Tränen,liebe Lulia,hat mich so ein bisschen an die Geburt meiner Tochter erinnert,war nicht so ganz spektakulär,dennoch sind die eingeleiteten Wehen nichts gegen die normalen(sprich nicht eingeleiteten, bei meinem Sohn lief daß quasi von selbst😉).Alex hat so recht,und wie stark Du bist, daß würden die Männer sowieso nicht schaffen,hat schon seinen Grund,warum wir Frauen die Kinder gebären😊.Ach,ihr seit einfach eine tolle Familie,bleibt wie ihr seit.Ihr zaubert einem immer ein Lächeln ins Gesicht. 😘

  4. Ich leide richtig mit :,( Ich könnt grad weinen! Ich hatte zwei Traum Geburten, die erste ca 12 Std und die zweite 9,5std. Ohne PDA und ich wünsche dies alles Frauen. Arbeite beim Gynäkologen und erzähle meinen Schwangeren von meinen tollen Geburten und hoffe Ihnen so Mut zu machen aber dein Geburtsbericht bricht mir das Herz, warum kann dieses Erlebnis nicht einfach schnell und schön funktionieren?

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