ZWUCKINES GEBURTSBERICHT – TEIL 5, DAS FINALE

Auf einmal befinden sich recht viele Leute im Zimmer.

Ich hab allerdings keine Ahnung wer die alle sind und bringe zu dem Zeitpunkt selbst keine Begrüßung mehr hin, was echt etwas heißt bei mir.

Unhöflich liege ich also mit breit gespreizten Beinen am Bett und ignoriere alle außer mich selbst.

Mir wird einiges erklärt.

„Frau H. wir legen nun ihre Beine auf Halterungen und sie rutschen mit dem Gesäß vor. Das ist die Saugglocke, die wird nun auf dem Köpfchen ihres Babys fixiert.“

Ich nur so: mhm, aha.

Ich versuche die Contenance zu bewahren. Versuche Stärke zu zeigen.

„Also Sie versuchen die Beine ruhig zu halten, währenddessen ich gleich das Vakuum montiere. Als nächstes kommt die Schwester und versucht etwas von oben mitzuhelfen. Es könnte jetzt etwas unangenehm werden.“

Unangenehm? Das ist es bereits seit zig Stunden, da erzählt mir die Gute doch nichts Neues.

„Ach ja und noch was. Sie müssen gleichzeitig pressen. Und ich starte“

Sie führt die Glocke in mich ein. Ich glaube ich muss durchdrehen. Ich beginne mit den Beinen zu treten. So fest ich nur kann. Ich will alle wegtreten. Sie sollen dort hin gehen wo sie herkommen. Ich trete um mein Leben und schreie dabei. Nur leider sind meine Beine fixiert, es bringt also nichts.

Tränen steigen mir in die Augen vor Schmerz und Verzweiflung und in dem Moment in dem ich glaube ich kippe nun um und verlasse diese Welt, spüre ich einen gewaltigen Druck von oben. Die Kinderkrankenschwester springt mit einer Wucht auf meinen Bauch und ich entnehme nur noch ein „JETZT DRÜCKEEEEEEN“

Ich versuche also mitzuhelfen, einfach nur damit es vorbei ist, habe aber keine Ahnung ob sich überhaupt etwas regt, denn ich der Schmerz, den die Saugglocke produziert ist omnipräsent.

„Ok Frau H., das war schon sehr gut. Die Saugglocke ist nur leider vom Köpfchen gerutscht. Wir müssen es noch einmal machen.“

Langsam, aber sicher frage ich mich ob hier alle geistesgestört sind.

Wie kann man so etwas einem Menschen antun?

Einem, der dir nichts getan hat? Nie?

Und die erneute Fixierung der Saugglocke.

Ich entnehme Alex Gestalt, er hält sich irgendwo fest.

Meine Lippen zittern und ich möchte nicht mehr sein. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Ich halte diesen Schmerz nicht mal mehr eine Sekunde aus.

Nein, nicht mit mir.

Doch da spüre ich schon wieder diesen immensen Druck auf meinen Bauch und höre wieder: DRÜÜÜÜCKEN, JETZT.“

Ich tue wieder das was ich kann, und entnehme nur Blutspritzer im Gesicht meiner Ärztin.

Sie sieht aus wie ein Serienkiller. Seine Waffe, die Saugglocke.

„ Das Köpfchen ist draußen. Alex, willst du es sehen?“

Ich bin mir nicht sicher ob ich richtig verstanden habe, frage mich aber ob wir hier im Museum sind. Eine Besichtigung nun? Geht’s denen allen noch gut?

Alex wandert auf die andere Seite und meine Hand wird zum Köpfchen geführt.

Ich fass es nicht, da ist ein Baby in mir. Tatsächlich.

„Sie haben es fast geschafft. Noch einmal. Einmal und sie ist da.“

Ich nehme alles zusammen was ich noch habe und drücke um mein Leben.

Der Bauch wird gequetscht, der Schmerz zerreißt mich innerlich und mein Atem steht still.

Ich entnehme leises schreien.

„Sie ist da. Sie ist da.“

Alex lehnt sich zu mir und hat Tränen in den Augen.

„Baby, du hast geschafft. Sie ist auf der Welt. Unsere Tochter. Du bist eine Heldin Baby“

Ich spüre wie mir ein warmer glitschiger Körper auf die Brust gelegt wird. Ich kann es nicht glauben.

„Noch einmal drücken bitte, damit wir den Rest auch noch aus ihrem Körper bekommen.“

Ich drücke und spüre wie es flutscht.

Eine große Erleichterung macht sich breit.

„Bitte bitte meine Beine von der Halterung nehmen. Bitte, jetzt.“

Aaaaaahh, das fühlt sich so gut an.

Ich will mich zu meiner Tochter wenden, doch sie nehmen sie mir für einen Moment weg um sie zu checken.

Und um mich zu nähen, sagt Alex.

Nähen? Ich schaue ihn verblüfft an.

„Ja Baby, du hattest einen Dammschnitt. Weißt du nix davon?“

Ich weiß von nichts. Ich werde genäht, Alex springt in der Zwischenzeit zwischen Zwuckine und mir hin und her.

Sie wird in ein Handtuch gewickelt und auf meine Brust gelegt.

Ich versuche sie anzuschauen, meine Wahrnehmung ist aber noch etwas irritiert.

Plötzlich hebt sie ihr Köpfchen und blickt mir tief in die Augen.

„Mama ich bin da. Siehst du mich jetzt?“

 

 

Ich spüre wie mir dicke Tränen, die Wangen hinunterkullern. Ich blicke durch den Raum.

Alle weinen <3

 

 

 

 

 

27 Gedanken zu “ZWUCKINES GEBURTSBERICHT – TEIL 5, DAS FINALE

  1. Wow! Meinen allergrößten Respekt!! Mehr kann man dazu nicht sagen! Es ist unfassbar was ein Mensch ertragen kann…jetzt kullerten sogar mir mal die Tränen, großartig geschrieben und großartige Leistung!! ❤

  2. Wie schön 😭😭
    Ich habe so ziemlich das gleiche erlebt wie du, nach 3h Presswehen kam die Saugglocke zum Einsatz, 2 Hebammen lagen auf meinem Bauch, 3 Ärzte standen zwischen meinen hochgebundenen Beinen – 3 Versuche mit der Saugglocke, immer abgerutscht, das Blut Spritze wie in einem Horrorfilm… Dann plötzlich schrie der Arzt ‚SECTIO‘, es ging alles so unglaublich schnell, von Kreißsaal ab in den OP, Vollnarkose und bis der Kleine da war vergingen 7min. Ihm ging es sehr schlecht als er auf die Welt kam, musste beatmet werden und kam sofort auf die Station. Mein Mann durfte ihn nicht mal halten. Das unschuldige kleine Wesen musste nach so einem Überlebenskampf die ersten 3h seines Lebens alleine sein, das macht mir so zu schaffen, auch noch fast 2 Jahre danach. Ich finde im Nachhinein wurde seitens der Ärzte und Hebammen viel zu lange abgewartet und falsch reagiert, aber zu dem Zeitpunkt machte ich keinem einen Vorwurf, ich war einfach nur froh ein – wie sich Gott sei Dank herausstellte – gesundes Kind zu haben!!

    Sooo schön dass es ihr es noch auf normalen Weg geschafft habt, ihr könnt so, so stolz auf euch sein ❤️ alles Liebe für euch! Ihr seid toll 😍

  3. Liebe Iulia, das ist ja wirklich Wahnsinn, was du alles aushalten musstest! Ich bin total gerührt und muss auch mitweinen. Herzlichen Glückwunsch zu der kleinen Zwuckine. <3
    PS: Ich bin gerade sehr froh, dass meine Kinderplanung abgeschlossen ist. 😅

  4. Immer wieder krass was man so schaffen kann! Bei uns war es genauso, nur das dann die Nachgeburt nicht raus wollte und wir doch fast in den OP mussten. In den letzten 5min kam se dann doch! Nach den Jahren vergisst man so viel, daß ist Wahnsinn. Aber gut so! Ihr seid ein tolles Team, bleibt so!

  5. Wahnsinn was du da geleistet hast! Du hast glaube ich von jedem den allergrößten Respekt! ❤️ Dieser Moment wenn man sein Kind das erste Mal sieht und im Arm hält ist einfach unbeschreiblich. ❤️ Herzlichen Glückwunsch zu eurer wundervollen zauberhaften Zwuckine. ❤️

    Meine tochter kam nach fast 24h Wehen leider via Sectio zur Welt und eigentlich möchte ich das nächste Kind unbedingt spontan bekommen. Wenn ich aber Geschichten wie deine höre denke ich mir oft dass ich vielleicht doch lieber einen Kaiserschnitt möchte. 😂🙈🙈🙈

  6. Liebe Iulia, was für eine Geburt. Schön, dass es dir und deiner Familie jetzt wieder gut geht und ihr die Zeit zu viert genießen könnt. Du hast wirklich einen mitreißenden Schreibstil, mir sind auch die Tränen gekommen. Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft.

  7. Wow Wahnsinn was ihr durch gemacht habt. das war wahrlich keine traumgeburt. Schön das du zwuckline trotzdem angenommen hast und liebst. Ist nicht bei allen selbstverständlich
    Da kann ich auch verstehen das ihr kein drittes Kind wollt.
    Ihr seit super. Weiter so.

  8. Mir kamen beim Lesen auch die Tränen. Bei der Geburt unseres Sohnes stand die Saugglocke auch schon parat, weil die Gebärmutter sich nicht mehr mit zusammenzog. Aber es ging letztendlich ohne, der Arzt hat von oben nachgeschoben. Unser Sohn hatte einen Kopfumfang von 39cm. Aber es hat gepasst, mit Dammschnitt und Riß. Dennoch war ich so unglaublich erleichtert, dass keine Sectio wie bei unserer Tochter gemacht werden musste. Wir Mütter sind echt unfassbar stark.

  9. Unglaublich Iulia! Meinen allergrößten Respekt für all das, was du ausgehalten hast. Du kannst so unglaublich stolz auf dich sein. Du bist eine so starke Frau! Herzlichen Glückwunsch nochmal zur kleinen Zwuckine ❤️

  10. .. Alle weinen! Auch ich ❤️ was ein Geburtsbericht.. Und ich hab mich so hineinfühlen können.. Es gibt so viele parallelen zu unserer Geburt im Februar.. Puh! Ihr habt es geschafft.. Wir haben es geschafft und das beste Geschenk für all die Qualen erhalten ❤️

  11. Boa Wahnsinn du Arme.
    Also ich habe von der saugglocke bei meiner ersten echt nichts mitbekommen. Ich war wie in meiner eigenen Welt wo es um Atmen und pressen ging. Mein Mann hat mir später alles erzählt wo ich mir dachte“ bei welcher geburt warst du“

  12. Liebe lulia, es ist wirklich Wahnsinn was du durchmachen musstest. Ich ziehe wirklich den Hut vor Dir . Ich hoffe du kannst diese Geburt irgendwann verarbeiten , denn das steckt niemand so einfach weg . Drück dich ❤️

  13. oh gott, was du durchmachen musstest 😱😱 schrecklich…. hoffe du kannst das bald verarbeiten, umso schöner dieses tolle Happy End ❤️❤️ und die schönste Entschädigung dafür, eure Tochter 💜

  14. Toll geschrieben und toll gemacht. Ihr seid einfach eine super Familie. Freue mich jedes Mal wenn ich ein wenig an eurem Leben teilhaben kann. Danke für die tiefen Einblicke 🥰

  15. Das ist so unglaublich bewegend… Unfassbar, was in Kreissälen alles passiert 😱. Meine Kleine wurde auch mit Saugglocke geholt, a er solche Szenen haben sich bei uns nicht abgespielt. Auch Respekt an Alex, das muss nicht leicht gewesen sein, dich so zu sehen. Gratuliere, es ist alles gut gegangen. Aber es bedrückt sehr, mit welcher Gewalt im Kreisaal umgegangen wird. Ich hoffe du vergisst das meiste, alles liebe
    Melanie

  16. Oh man, bin sprachlos und habe Tränen in den Augen. Hoffe du kannst das erlebte schnell verarbeiten, aber zum Glück ist am Ende alles gut gegangen. Fühl dich gedrückt 💗

  17. Bin einfach nur sprachlos. Wie stark und tapfer du bis zum Schluss warst. Beim Lesen hatte ich Tränen in den Augen. Einfach sehr emotional.

  18. Oh iulia, ich muss gerade so weinen. Meine erste Geburt war auch so nur dass niemand so nett war und alles erklärt hat, und ich nur furchtbar behandelt wurde.

  19. Liebe Iulia, ich kann gar nicht mehr aufhören zu weinen! Ich hab den Geburtsbericht am Stück gelesen und bin so gefesselt. Du bist sooo eine starke Frau! Das Ende habe ich ähnlich erlebt allerdings nur in einem Drittel der Zeit. Ich glaube so lange hätte ich nicht durchgehalten. Immer wieder erstaunlich, zu welchen Leistungen der Körper einer Frau im Stande ist. Einfach nur wow!

  20. Wow! 🙈 ich hatte ein totales Dejavu 🙈 Bei mir war es haargenauso 🙈 Ich konnte so mitfühlen und weiß genau wie man sich da fühlt! Tränen in den Augen 😢❤

  21. Ich habe mir jetzt nochmal alle Teile deines toll geschriebenen Geburtsbericht hintereinander durchgelesen…ich zolle dir und deinem Körper einen riesen Respekt. Wahnsinn was du dort geleistet und wie tapfer du es durchgestanden hast.
    Ich bin dankbar, dass es bei mir zweimal mehr oder weniger „geflutscht“ ist.

  22. Du musstest da ja wahnsinnig viel mit machen, der absolute Wahnsinn. Ich hoffe, dass du das erlebte gut und schnell verarbeiten kannst. Der Anblick der Babys entschädigt vieles, aber dennoch nicht alles.
    Beim ersten Kind musste ich auch einiges mit machen, ewiglange wehen, alles probiert, geburtsstillstand, Kaiserschnitt. Die zweite Geburt war zum Glück ein selbstläufer und hat mich von der ersten Geburt geheilt. Aber die Gedanken an die Zeit im Krankenhaus lassen mich immer noch Schauern. Unglaublich wie stark du bist!! Hut ab Iulia.

  23. Wahnsinn! Du bist wirklich eine Heldin! Ich könnt euch alle drücken, mir sind auch beim Lesen zwischendurch die Tränen runter gekulert! Ganz toll geschrieben!! Ihr seid ein starkes Team! Alles Gute!

  24. Wenn ich das lese, erinnere ich mich an die Geburt meines Sohnes vor fast 11 Wochen.
    27h Wehen. Mit sämtlichen Schmerzmitteln, Wehenhemmern und Wehentröpfen zum Ankurbeln. Zum Ende hin Geburtsstop. Sie wollten unterbrechen und ne Sectio machen. Ich hab den kleinen ohne die Wehen raus gepresst. Es war die absolute Hölle. Aber als er den ersten Ton von sich gab und er bei mir auf der Brust lag, habe ich nichts bereut. Und auch ich habe gesagt, ich kann und will nicht mehr.

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