Ich werde geschüttelt, Alex ermahnt mich immer wieder in lauteren Ton ich solle bitte die Augen wieder öffnen und der Wehentropf wird höher gedreht.
Von der PDA spüre ich zu diesem Zeitpunkt schon lange nichts mehr.
Ich bin eigentlich so ziemlich am Ende. Ich kann eigentlich nicht mehr. Sicher schon seit 3-4 Stunden.
Die nächste Kontrolle steht an und meine Hebamme strahlt über das ganze Gesicht.
„Iulia, du hast es fast geschafft. Wir haben 10cm.“
Ich schiele sie verdutzt an und spüre wie ein neuer Energieschub meinen Körper durchflutet.
„Du bist so tapfer Iulia. Ich sage der anderen Hebamme, die jetzt Schicht hätte, dass ich noch bleibe. Es kann jetzt wirklich jederzeit so weit sein.“
Alex strahlt über’s ganze Gesicht.
„Baby, wir haben bald unser Mädchen bei uns. Das hab ich nur dir zu verdanken. Du bist so stark. Irre, was für eine Frau ich habe. Ich liebe dich so sehr.“
Alex und ich sind nicht die Menschen, die sich häufig sagen, dass sie sich lieben. Genau genommen erinnere ich mich an das letzte Mal nicht einmal.
Es kostet uns beiden Überwindung es zu sagen und wir sind auch gleichzeitig peinlich davon berührt. Nicht, weil es nicht so ist. Weil wir auf dem Gebiet vielleicht einfach kindisch sind und uns dabei nicht mal richtig in die Augen blicken können. Verrückt nach so vielen Jahren, oder?
Aber in diesem Moment blickt mir Alex dabei tief in die Augen, hält meine Hand dabei so fest und betont die Worte so sehr, als ob ich gleich abkratzen würde und das die wichtigste Message ist, die er mir noch auf den Weg mitgeben wollte, bevor wir uns nie wieder sehen.
Tränen steigen in meine Augen, doch dafür ist jetzt keine Zeit.
Meine Ärztin kommt die Tür hinein und gratuliert mir zum bisherigen Erfolg.
Ich so: „naja bisher lief es ja nicht berauschend, doch eher beschissen, oder?“ und lache.
Sie sieht mich nur an und sagt: Sie sind wie eine Erstgebärende, ist alles im Rahmen.
„Wir starten jetzt mit dem Pressen. Wehentropf bitte höher drehen und du Iulia begibst dich am besten mal in die Hocke und Alex stützt dich von hinten.“
Gesagt, getan.
Ich drücke und presse. Im Drücken war ich leider noch nie besonders gut. Hab ich da unten zu wenig Muskeln? Oder hab ich zu wenig geübt?
Ich drücke, drücke, drücke.
Nichts.
Außer großer Schmerz, links unten bei meiner Kaiserschnittnarbe. Von den Wehen will ich erst gar nicht mehr sprechen.
Positionswechsel, rauf auf’s Bett auf die Knie und am Kopfteil festhalten.
Und pressen. Während einer Wehe soll ich bis zu 3-mal pressen. Mir geht nur leider spätestens nach dem zweiten Mal die Puste aus. Aber ich mache weiter. Und weiter.
Boah, ist auf diesem Bett viel Blut, denke ich noch in meiner Halbwachen.
Wir probieren es auf dem Bett liegend, das ist sowas von unfassbar unangenehm.
Halte ich nicht aus.
Ich presse sicher schon seit 1,5 Stunden.
Wir machen eine Pause, ich erkenne die leichter Verzweiflung aller Beteiligten, die hier im Raum sitzen.
Mir wird klar, dass sich auch jetzt wieder nichts tut.
„Wissen Sie, es ist so, dass sie sich nicht wirklich runter bewegt. Wir müssen es noch mal probieren, aber mit mehr Kraft.“
Ich blicke durch’s Zimmer und suche meine Hebamme. Sie ist weg.
Ich dreh innerlich durch. Wo ist sie nur?
Zwei Minuten später kommt sie mit einer Kollegin zurück.
„Iulia, es tut mir leid, ich muss gehen. So viel über die Zeit kann ich nicht bleiben“
Ich blicke verzweifelt zu Alex: Baby ich will jetzt keinen Smalltalk. Ich kann jetzt niemanden neuen kennenlernen. Das pack ich jetzt nicht“
Drehe mich trotzdem zur neuen Hebamme und stöhne nur ein „ ich bin die Iulia „hinaus.
Sie ist die Kathi. Schön, hätten wir das erledigt.
Kathi wirkt total nett, jung und sympathisch. Blöd nur, dass mir das gerade halt leider wurscht ist.
Ich will nur, dass es vorbei ist.
Wir pressen. Alex presst auch, so dass ich Angst habe, dass ihm gleich was entkommt.
Ich kann nicht mehr.
Ich schaue ihn an und sage: Baby, ich weiß ich hab gesagt ich will keinen Kaiserschnitt. Ich will aber jetzt einen. Bitte einen Kaiserschnitt. Es geht nicht mehr.“
Alex sieht mich an „Baby du hast es jetzt so weit geschafft, das schaffst du jetzt auch noch. Du brauchst keine OP, du packst das.“
Das war nicht gerade das, was ich jetzt hören will.
Ich will einen Kaiserschnitt, warum kapiert das hier niemand.
Natürlich wird mir schlecht bei dem Gedanken wieder aufgeschnitten zu werden, aber ich hab doch keine Wahl.
Warum checken die Menschen in dem Raum nicht, dass es nicht mehr geht?
Meine Ärztin blickt mich an „Wir haben es so weit geschafft. Wir schaffen es noch so“
Ich möchte weinen.
Ich presse mittlerweile seit 2,5h.
Der Schmerz bei meiner Narbe ist nicht mehr auszuhalten.
Ich möchte nicht mehr.
Ich denke daran wie ich auf diesen Moment zurückblicken werde und mich vermutlich nicht mehr an ihn genau erinnern werde.
Ich presse, irgendwie halt. Es geht nicht mehr.
Jetzt sehen es auch die anderen ein. Es ist vorbei.
„Gut, wir haben jetzt noch genau eine Möglichkeit, sonst leider wirklich Sectio, Frau H.“
Ich schaue sie verdutzt an.
Was für eine Möglichkeit denn bitte?
„Wir holen jetzt die Saugglocke und noch eine Schwester und versuchen ihre Kleine so aus ihrem Versteck zu locken.“
Saugglocke, hm.
Ich hab keine Ahnung was das genau ist bzw. wie es genau funktioniert aber ich bin gewillt es zu versuchen. Schlimmer geht ohnehin nimmer, denke ich.

