Gastbeitrag Goldieopa – NINA

NINA

Ich war dabei schnell mit meinem Labrador eine Runde auf der großen Wiese hinter der Kirche zu machen und mir die Beine nach der vierstündigen Bustour mit Touristen zu vertreten. Zeit hatte ich nun genug, da ich bei dieser Vienna Woods Tour die Route so schlau angelegt hatte, dass wir gegen Tourende nah an unserem Hausgarten vorbeikamen. Da war Tommy gemütlich auf dem Gras liegend unübersehbar!

„How cute …!” „ Che Carino“. „Comme il est Chou!“ brachen die Gäste in einem multilingualen Choral aus, um dann voll meinen Vorschlag zu begrüßen, sie nicht mehr bis zu Oper zu begleiten, wie es normal wäre, sondern, bereits beim Garten auszusteigen.

Als ich den Treppenweg hinunterging vorbei an dem Waldstreifen, der die Wiese von einem Weingarten an einem Hang trennt, blieb ich auf einmal stehen. Ich vernahm Geräusche als würde man… was?! Fällt hier jemand Holz? Ist vielleicht ein Bauunternehmen dabei uns ein Stück von den umgebenden Wiesen und Wäldern zu verbauen?! In der kleinen, schicken Siedlung im Wienerwald, wo wir vor kurzem eingezogen waren, verbreitete sich unter den Bewohnern ein diffuser Argwohn, von dem sich auch die Neuzugezogene anstecken ließen.

Als ich aber genauer hinschaute, erblickte ich auf den Zweigen einer Föhre zwei Halbwüchsige.  Offensichtlich waren sie dabei sich ein Baumhaus aus Brettern zu bauen. Allen Ernstes! Sie waren wie richtige Zimmermänner ausgerüstet mit Werkzeuggürtel an der Hüfte hängend. Der eine hielt dem anderen ein Stück Papier vor, der Zweite schaute immer wieder kurz darauf, um dann mit einem Maßband die Bretter abzumessen, sie mit einer Handsäge zu kürzen und diese festzunageln. Dann wechselten sie die Rollen unter sich.

Ich verweilte beim Anblick dieser Szene wohl etwas länger, denn nun zog mein Labrador heftig an der Leine, um wie üblich weiterzugehen. Stattdessen befreite ich ihn von der Leine und warf ihm wiederholt einen Stock zum Apportieren, sodass ich den beiden Burschen in Ruhe zuschauen konnte. Das Treiben der Beiden hielt mich wie in einem Bann zurück.  Es war wie ein Zuruf aus der Weite. Aber was?

Unerwartet rutschte einer der beiden Zimmermänner den Baumstamm runter, aber nicht um dem Oberen etwas vom Boden zu reichen, sondern um direkt in meine Richtung zu kommen: genau zu meinem genüsslich an einem Stock kauendem Labrador. Da sah ich verblüfft, dass der gedachte Bub ein Mädchen war! Denn es war doch diejenige Gestalt, die den Baum ein paar Mal hinunter rutschte, um ein am Boden liegendes Brett dem Kumpel hinauf zu geben und ebenso schnell wieder hinaufkletterte.

„Wie süß! Darf ich ihn streicheln? Wie heißt er?“

„Tommy“ – antwortete ich – „und du?“

„Nina!“ reichte sie mir lächelnd die Hand und der Altersunterschied von einigen Jahrzehnten zwischen uns schmolz augenblicklich dahin.

„Und ich dachte, du heißt Olga!“

„Nein, Nina“ wiederholte sie.

Da wusste ich gleich, woher dieser Zuruf bei diesem Anblick stammte und warum ich zunächst dachte, dass das Mädchen Olga hieße.

Eine Kindheitsszene aus der siebenbürgischen Heimat riss sich langsam vom Dunkeln der Vergessenheit ab und stieg vor meinem inneren Auge empor. Vor mir stand plötzlich ein anderes Mädchen. Es lächelte mir zu – nicht unter einer Sonnenkappe mit blondem Haar, wie dieses hier, sondern unter einem nach hinten gebundenen Piratenkopftuch.  Keine blonden Haare und blaue Augen, sondern schwarze Locken und braune Augen hatte es. Es hieß nicht Nina, sondern Olga! Sonst aber waren die beiden gleich: dieselbe Figur und dasselbe flinke Klettern auf den Bäumen.

Olga war die Tochter des wohlangesehenen Dorfpolizisten, der in kommunistischer Zeit auch gefürchtet war, während ich der jüngste Sohn eines nicht gerade begüterten Hirten in der Nachbarschaft war. Doch, weil Olga keine Freude am Lernen hatte, war es ihr erlaubt mit mir die Hausaufgaben zu machen.

So verbrachten wir viele Nachmittage in der dicht belaubten Baumkrone eines Lindenbaums im hinteren Teil ihres Gartens. Wir hatten die festen Zweige mit Schnüren zusammengebunden und eine Holzkiste darauf als Tisch fixiert. Das war unsere Hütte, mit dem Kosenamen „Cabana“. Olgas Mutter kam gelegentlich vorbei und reichte uns eine Schüssel voll Kakaopulver und Zucker, denn Schokolade gab es damals noch nicht.

In den Sommerferien schickten mich die Eltern zu Verwandten in eine andere Ortschaft, und als ich zurückkam war Olgas Haus leer. Der Vater wurde in ein anderes Landeck transferiert, wie üblich bei dem Staatsbediensteten damals, niemand wusste wohin. Seitdem habe ich Olga nicht mehr gesehen.

Nun ist ihre Gestalt für den Bruchteil einer Sekunde vor mir wiedererschienen. War das Olga?

Oder Nina-Olga? Olga-Nina? Hm…

Mir scheint manchmal, dass die hinter sich gelassene Kindheit bevor sie hinter dem Horizont verschwindet, einem noch einmal zuwinkt.

18 Gedanken zu “Gastbeitrag Goldieopa – NINA

  1. Was für ein wundervoller Gastbeitrag. So locker leicht und schön zu lesen. Da möchte man gar nicht mehr aufhören zu lesen…..

  2. Toll geschrieben! Da möchte man einfach weiterlesen! Schade, dass ich in den USA lebe und der Versand wahrscheinlich nicht möglich ist?

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