Soll Zwuck ein Philosoph werden?

„Omaopa“! 

So ruft der dreijährige Zwuck von der unteren Treppenstufe des Hauses, wenn er zu den Großeltern gebracht wird und keiner von ihnen ihm entgegeneilt. Er steigt aus dem Auto als erster aus und läuft ohne auf seine Eltern zu warten durch das Gartentor ins offen stehende Haus.
„Omaopaaa!“
Der Akzent fällt auf die zweite Silbe „Opa“ , diese wird auch in die Länge gezogen. Falls Opa nicht erscheint, wiederholt er dann das zweisilbige Wort, nur wird diesmal die erste Silbe betont und in die Länge gezogen:
„Ooomaopa“! Offensichtlich wird nun die Oma gerufen!

„Der Kleine wird bestimmt einmal Philosophie studieren!“


macht uns der Zwuckopa darauf aufmerksam und man hört ihm den Stolz heraus, dem Zwuck womöglich seine Leidenschaft vererbt zu haben.
„In seiner kindlichen Intuition hat er ein neues Wort geschaffen, ein Singular, um zwei Personen gleichzeitig zu bezeichnen!
Und durch die unterschiedliche Betonung
macht Zwuck verständlich, wer gemeint ist! Er sagt: „Omaopaaa“ und meint mich oder „Ooomaopa“ und meint sie, die Oma!“
Zwuck hört gespannt zu und schaut unschlüssig nur hin und her zu Opa und Oma, offensichtlich seiner Genialität nicht bewusst.
Dagegen scheint von der prophezeiten Berufsperspektive die daneben turnende Zwuckoma nicht begeistert zu sein.
„Philosophie?! Gott behüte! Dass er womöglich später als Kofferträger sein saueres Geld verdient!“
Das Gesicht von Opa fällt plötzlich um circa einen Zentimeter herab, beginnend mit Augenbrauen über Mundecken bis hinunter zu den Schultern. Wie immer wird sein überschwänglicher Enthusiasmus von Oma nicht geteilt! Und dabei meldet sich bei ihm eine Jahrzehnte zurückliegende, nicht restlos geheilte Kränkung zu Wort: 

„Ja, ja nun spricht in dir die Urstimme deiner Eltern, damals als du mich ihnen vorgestellt hast. Als sie hörten, dass ich
eine Humanwissenschaft studiere und Bauernsohn aus Siebenbürgen bin. Vielleicht hättest du es nun besser, wenn du mit deinem Ex aus der Bukarester
Schickeria geblieben wärest!…“

Julia sah plötzlich dunkle Wolken am Horizont der Familienharmonie heranziehen. Da legte sie gleich ihr Handy zur Seite und schaltete sich schnell dazwischen.
„Wenn er sich mal dazu berufen fühlt, warum nicht!?“ heuchelte Interesse an Opas Zukunftsvision.
„Ich persönlich Papa, habe deine Kofferträger Jahre gerne in Erinnerung!
Denn als du in der Früh vom Nachtdienst im Luxushotel heimkamst, klingelten die Trinkgeld Schillinge in deinen Hosentaschen. Vorfreude kam schon in mir auf: nach der Schule werde ich wieder angeben und die Kolleginnen direkt zum Café Zuckergoscherl einladen, bevor wir zu uns nach Hause kommen , wo der Kühlschrank immer leer ist!..“
Beim Opa sind plötzlich wieder Schulter, Mundwinkel und Augenbrauen um ein Zentimeter zurück in die Höhe gesprungen!
„Damals als Lohndiener habe ich nicht schlecht verdient! Ich wäre vielleicht
länger geblieben. Doch dann konnte ich nicht mehr schlafen, wegen einem fürchterlichen Traum! Es war nach einem Telefonat deiner Mutter mit ihrer Freundin
aus Bukarest. Ich habe nur soviel gehört: „Was für Minister? Wirklich? Genau wie sein Vater!“ Da habe gleich verstanden: die beiden sprachen bestimmt über den Ex von Mami, der Sohn eines Ministers in kommunistischer Zeit, der nun ein paar Jahre nach der Revolution selbst Minister geworden ist.
Von diesem Tag an konnte ich den Alptraum nicht mehr los werden:
Ich sah mich schwere Koffer
in den Executive Floor des Hotels tragend, klingend verschwitzt an der Tür der Suite, wo gewöhnlich prominente Gäste residieren.
Die Tür öffnet sich, eine Hand dessen Arm in einem weißen seidenen Hemd umhüllt ist und eine Luxusuhr anhat, reicht mir eine 20 Schilling Münze. Dabei ertönt in reiner Bukarester Mundart die Stimme von jemandem, dessen Gesicht hinter der Tür verborgen bleibt:
„Schau her, wer meine Koffer trägt! Der begabte Hirtensohn aus Transilvanien!
Für den hat sie mir den Laufpass gegeben?!“

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